Aus den Tagebüchern von Norbert Kern

Auszug aus der Zeitschrift „Respekt – Aus den Tagebüchern von Norbert Kern:“

Mai 1953

Schon wieder haben wir kein Care-Paket bekommen. Der Pfarrer, der die Päckchen mit Lebensmitteln verteilt, macht einen großen Bogen um Vater. Er und Mutter haben neun Kinder zu ernähren. Die Lebensmittel der Amerikaner könnten wir gut gebrauchen. Doch der Pfarrer will einen Kommunisten und seine Familie nicht versorgen. Gut, dass Nachbarn mit uns teilen.
Bei Vater ändert das nichts an seiner Gesinnung. Immer wieder erzählt er uns Geschwistern von seiner Über­zeugung. Voller Spannung lauschen wir den Geschich­ten aus seiner Jugend und seinen Erlebnissen während und vor des ersten Weltkrieges. Es war sein großes Gerechtigkeitsempfinden, das ihn zum Kommunisten machte. Schon früh war der gelernte Bankkaufmann davon überzeugt, dass eiskalter Kapitalismus nicht gut für die Menschheit sein konnte. In seinen Augen konn­te es nicht richtig sein, dass Menschen viel arbeiten, aber kaum etwas dafür bekommen. Dafür hat er immer gekämpft und uns Kindern immer versucht zu vermit­teln, auch an andere zu denken. Aber auch andere Dinge beschäftigen meinen Vater.
Ein Gespräch heute hat besonders tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Eine Menge Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich werde wohl die ganze Nacht von den Polen, vielleicht auch von Grönland und den Ge­bieten der Erde, die seit Jahrtausenden unter Eis lie­gen, träumen.
1895 geboren, wuchs Vater in einem Umfeld auf, das sich der Zeit entsprechend mit sozialen Problemen befasst. Den ersten Weltkrieg erlebte er in erster Linie auf dem Weg der Deutschen mit den damaligen Ver­bündeten nach Russland. Er erzählte uns dann von der Gefangenschaft und der Verlegung 􀂡on hunderttausend Kriegsgefangenen, einschließlich Osterreichern, nach Murmansk, um dort den einzigen Hafen weit oben im Norden, der auch in der Winterzeit mit Schiffen zu erreichen war, an die Schiene anzubinden.
Noch spannender finden mein Bruder Dieter und ich jedoch Vaters Erzählungen über„ die Landschaft, wie Menschen hoch im Norden das Überleben in hunder­ten von Jahren gelernt haben. Natürlich hören wir zu, wenn er von seiner Flucht erzählt. Wie gerne würden wir selbst einmal die Pole bereisen. Seitdem Vater von Grönland und einem Quasi-Kontinent, der fast voll­ständig mit einer dicken Eisschicht bedeckt ist, erzählt, ist Karl May nicht mehr spannend.
Vater ist ein Motivator für mich. Sein Marsch von Sibirien zurück nach Deutschland 1918/19 beeindruckt mich sehr und lässt mich immer wieder wünschen, einmal selbst durch eine solche Landschaft zu wandern.
Auch wenn uns Kindern die Berichte aus fernen Ländern am meisten interessieren, lauschen wir auch gespannt seinen Erzählungen über die fürchterliche Nazizeit, in der er schon vor der Machtergreifung auf der linken Straßenseite gegen Nazis kämpfte. Freundschaften mit deutschen Juden, die die gleiche linke Gesinnung hatten wie er.
Der große Mut, den er trotz uns Kindern und der so­zialen Probleme als Arbeitsloser bewies, beeindruckte uns: eine jüdische Familie zu unterstützen, diese Fami­lie – neben der eigenen – durchzubringen.

November 1958

Heute war ein ganz wunderbarer Tag. Wir wurden zum zweiten Mal mit der A-Jugend der SG-Riederwald Frankfurt Bezirksmeister, konnten im entscheidenden Spiel die A-Jugend der Offenbacher Kickers schlagen. Somit nehmen wir an der hessischen Meisterschaft teil.
Nach dem Spiel sprach mich der Abteilungsleiter Hand­ball der Offenbacher Kickers, Adolf Schaub, darauf an, dass ich in der nächsten Saison für die Offenbacher Kickers, derzeit in der höchsten Spielklasse Oberliga, spielen könnte. Eine ganz wunderbare Information für einen leidenschaftlichen Handballer!
Noch immer bin ich bei dem Gedanken an das Gespräch aufgeregt. Ernst Winterlin, zweifacher Weltmeister im Feldhandball, spielt bei den Kickers – außerdem nam­hafte Spieler wie Helmut Schack, Günter Röhr, Gün­ter Weiswange, „Bubchen“ Mensinger, Kurt Wiede­mann und andere. Spontan sagte ich zu.
Zuhause erzählte ich den Eltern stolz, dass wir erneut Bezirksmeister wurden und dann von dem Angebot, bei den Kickers in der ersten Mannschaft spielen zu können. Ich hatte schon lange keine Ohrfeige mehr vom Vater bekommen. Nachdem ich seiner Auffor­derung, weiterhin bei der SG Riederwald zu spielen, nicht nachkommen wollte, kamen zwei Backpfeifen, die nicht nur unangenehm waren, mich auch mental trafen. Eingeschlossen in der Toilette kam ziemlich laut meine Trotzreaktion: „Und ich gehe doch!“
Heute hatte ich mein erstes Spiel für die Kickers. Vater saß mit rund 7000 Zuschauern auf der Tribüne. Mit vor Stolz geschwellter Brust akzeptiert er nun, dass sein ehrgeiziger Sohn mit dem starken Willen sich durch­gesetzt hatte. Eigentlich wundert mich das nicht. Schließlich hat er uns Kinder immer dazu ermutig, Sport zu treiben. Meine beiden älteren Brüder sind erfolgreich im Radsport, meine vier Schwestern und ich haben Erfolg im Handball und Dieter spielt in der Hessenauswahl Fußball. Wir sind eine richtige Sportlerfamilie. Ich denke, im Sport liegt auch der Ursprung meines Ehrgeizes.

November 1967

Seit etwa acht Monaten bin ich nun stolzer Unter­nehmer. Und tatsächlich läuft es hier in Dietzenbach besser als meine vier Partner und ich es uns erhofft hatten. Es ist fast so, als habe man hier auf eine Spe­dition wie unsere gewartet. Wir haben nun schon elf Mitarbeiter. Schon bald sollen es mehr werden. Unsere Auftraggeber werden immer größer, die Aufträge immer umfangreicher. Mein Entschluss, bei American Express als Niederlassungsleiter aufzuhören, war rich­tig. Auch meine Frau Matze! sieht es so. Wir wollen hier in Dietzenbach bleiben. Es ist unsere Heimat geworden.
Wer hätte noch vor ein paar Jahren gedacht, dass meine Pläne so gut aufgehen? Ich, eines von neun Kinder einer Arbeiterfamilie ohne Abitur. Es war mein Wunsch, alles daranzusetzen, hart zu arbeiten, damit es meine Familie einmal besser hat als ich, der in einem kleinen Mansardenzimmer groß wurde. Meine Herkunft hat mich geprägt.
Die tolle Kindheit im Riederwald will ich nicht mis­sen, sie hat mich stark und ehrgeizig gemacht. Ebenso der Sport. Von ihm habe ich meinen Willen zum Sie­gen. Schade, dass dies meine geliebten Geschwister Hildegard und Dieter nun nicht mehr erleben können. Ich vermisse sie sehr.

Januar 1982

Nun ist es offiziell: Die eigene Spedition gibt es nicht mehr. Nach schwierigen Verhandlungen sind wir mit Haniel Spedition fusioniert. Ich habe darauf bestan­den, dass alle 630 Mitarbeiter in allen Filialen auf der ganzen Welt übernommen werden. Sie alle haben zu dem großen Erfolg des Unternehmens viele Jahre lang beigetragen. Damit meine Bedingungen akzeptiert wurden, habe ich auf eine Million DM verzichtet. Ein Preis, der es Wert ist. Ich bleibe der Branche treu und arbeite als Geschäftsführender Gesellschafter bei AIR Haniel. Vor mir liegen viele Reisen in alle Ecken der Welt. In Australien, China und den USA wird mir Dietzenbach fehlen. Unser Haus am Knabenborn ist für mich Rückzugsort und kleines Paradies.

März 1991

Meine liebe Frau Matzels hat uns im im August 1990 nach schwerer Krankheit für immer verlassen und mir drohte der Fall in ein tiefes Loch. Ihr Verlust schmerz­te sehr und ich konnte mir lange Zeit kein Leben ohne sie vorstellen. Die Anfrage eines Headhunters der Deutschen Bahn rettete mich und so trete ich eine neue Aufgabe an. Man hat mir das Angebot gemacht, den Vorstandsbereich Güterverkehr zu übernehmen. Ich bin gespannt auf die neuen Herausforderungen.

Mai 1992

Diesen Tag werde ich wohl so schnell nicht vergessen. Ministerpräsident Gerhard Schröder hatte mich ein­geladen, an einer Veranstaltung vor der Landtagswahl mit ihm und den Gewerkschaften der Deutschen Bahn teilzunehmen. Der Tag wurde für mich ein besonderes Erlebnis. Beide hatten wir kurze Reden zu halten. Auch über die Bedeutung der Deutschen Bahn und die Entwicklung, die damals zu gravierenden Ver­änderungen führte. Die Gründung der Aktiengesell­schaft – das heißt, die sogenannte Privatisierung war von Bonn gewünscht.
Nach der Veranstaltung gingen wir gemeinsam Mittag­essen. Anschließend folgte eine Zugfahrt. Begleitet wurden wir dabei vom Norddeutschen Rundfunk. Natürlich führte ich Gerhard Schröder auch in den Führerstand der Lokomotive.
Das wohlbekannte .Du“ zwischen Parteigenossen tat gut und machte die Konversation um einiges einfa­cher. Wir tauschten Ideen, wie die Bahn einmal in der Zukunft aussehen sollte. Für mich als „Quereinsteiger“ lediglich mit Mittelschulausbildung und in Abend­kursen Besuch der Akademie für Welthandel eine rie­sige Herausforderung. Als das Angebot kam, hatte ich richtig Muffensausen, aber keine Komplexe. Doch auch diesmal packte mich der Ehrgeiz und ich wollte beweisen, dass auch jemand mit meiner Geschichte zu einer solchen Leistung fähig ist.
In dieser Zeit fiel in meine Verantwortung die Zusam­menführung mit der Deutschen Reichsbahn. Eine ganz fürchterliche Erfahrung war die Freistellung von rund 90.000 Angestellten der Deutschen Reichsbahn bei der Zusammenlegung. Es hat mir im Herzen weh ge­tan, den Angestellten diese Nachricht zu überbringen, denn hinter jedem Entlassenem steht eine Familie. Als Kind musste ich erfahren, was es für eine Familie bedeutet, wenn der Vater arbeitslos ist.
Es stimmt mich traurig, dass ich dieses besondere Erlebnis nicht mehr mit meiner Frau Matze! teilen kann. Wir heirateten mit 22 Jahren, 1967 und 1970 wurden dann unsere Kinder Thorsten und Kirsten geboren. Auch ihnen fehlt Matzel sehr.
1966 folgte die Gründung des eigenen Unternehmens in Dietzenbach, das bis 1982 zu einem führenden mittel­ständischen internationalen Speditionsunternehmen wuchs, mit Filialen an sechs Flughäfen in Deutschland, zwei Büros in Hamburg, Filialen in Hongkong, Taipeh, Beteiligungsfirmen in Korea und auf den Philippinen, eigene Büros in Johannisburg, Capetown und Durban.